BUCH - KUCKUCKSBRÜDER

 

Wie bei einem Puzzle offenbart sich in dem Roman immer ein Stück mehr, um zum Bild zu werden. Es geht um die Sehnsucht nach Wurzeln, um Lügen, um Einsamkeit, um die Begegnung von Menschen mit ganz unterschiedlicher Vergangenheit. Und um die Frage, inwieweit wir mit unseren Entscheidungen unser Schicksal beeinflussen können.


Leseprobe

KAPITEL 1

Sie sah ihn auf der Bank am Neckar sitzen: Einen groß gewachsenen, hageren Mann, die dunkle Strickmütze tief in die Stirn gezogen, die Hände wie zum Gebet ineinander  gelegt. Der Saum seines langen schwarzen Ledermantels hing hinab bis auf den schlammigen Boden, unter dem Mantel konnte man ein Paar robuster Stiefel erkennen, die ihre besten Tage schon gesehen hatten. Seine Hände waren schrundig aufgerissen, unter der Mütze hingen ein paar Strähnen ungepflegter dunkler Haare heraus.

Es war Sonntag, ein kalter, verregneter Novembermorgen, die Sonne hatte es seit Tagen kaum einmal geschafft, durch den wolkenverhangenen Himmel zu blinzeln. Das Wasser floss schneller als üblich aus dem Neckartal. Auf seiner Oberfläche konnte man Holzstücke, Unrat und hin und wieder einen wagemutigen Wasservogel in rascher Geschwindigkeit dahinsegeln sehen. In den kahlen  Ästen der regenfeuchten Bäume krächzten ein paar Krähen, die Luft roch nach dem brackigen Wasser, das sich überall gesammelt hatte. Der Boden glänzte nass, gesättigt vom ununterbrochenen Regen der vergangenen Tage. Der feuchtkalte Wind zog unangenehm durch alle Ritzen und bei jedem Schritt musste man darauf achten, nicht in eine Pfütze zu treten oder auszurutschen.

Sie verlangsamte ihre Schritte und betrachtete den Mann. Er war vollkommen regungslos. Neben ihm stand ein großer Rucksack, der vermutlich sein gesamtes Hab und Gut enthielt. Wie musste das sein, so ein Leben auf der  Straße? Tag für Tag dieser Kälte ausgesetzt, kein warmer Ort, an den man sich zurückziehen konnte, kein Tisch, an den man sich wie selbstverständlich zu einer warmen Mahlzeit  setzen konnte. Der Mann schien die Kälte gar nicht mehr zu  spüren. Warum machte sie sich eigentlich so viele Gedanken über ihn? Die Stadt war voll mit Pennern seiner Art und sie begegnete jeden Morgen etlichen von ihnen. Die meisten verhielten sich unauf fällig und erregten höchstens ihr Mitleid. Manchmal warf sie dem einen oder anderen eine  Münze in den Becher. Doch an diesem Mann war  irgendetwas anders. Etwas faszinierte sie an ihm. Er verhieß eine Geschichte, die sie interessierte, ohne zu wissen warum. Und er schien neu zu sein in diesem Teil der Stadt, zumin dest war er ihr noch nie zuvor aufgefallen. Sie überlegte nur kurz, dann setzte sie sich rechts von ihm ans andere Ende der Bank. Es war eine für sie ungewöhnlich spontane Hand lung, und hätte sie nur einen Moment länger darüber nach gedacht, hätte sie ihre Schritte beschleunigt und wäre ohne einen weiteren Blick an ihm vorbei gegangen. Immerhin war die Heidelberger Neckarwiese so gut wie menschenleer und es hätte noch einige andere Bänke gegeben, auf die sie sich hätte setzen können. Und noch genauer betrachtet gab es überhaupt  keinen Anlass, sich bei diesem Wetter überhaupt auf irgendeine Bank zu setzen. Doch irgendetwas trieb sie dazu, genau das zu tun.

Kuckucksbrüder direkt hier bestellen! Bitte klicken.